Zusammenfassender Bericht zur Fachveranstaltung der
Bundestransferstelle Stadtumbau Ost am 3.November 2004 in Berlin
Die Erfolge des Stadtumbauprogramms in Ostdeutschland werden vielfach anhand der bereits durchgeführten sowie der weiterhin geplanten Wohnungsabrisse gemessen. Dadurch entsteht oftmals der Eindruck, der Erfolg des Stadtumbauprozesses bestimme sich allein danach, wie viele Wohnungen abgerissen werden. Dass dies eine einseitige Sicht ist, hatte bereits im Jahr 2000 die Expertenkommission „Wohnungswirtschaftlicher Strukturwandel in den neuen Ländern“ als eine ihrer zentralen Forderungen zur Umsetzung des Stadtumbaus festgeschrieben: „Abriss- und Rückbaumaßnahmen sollten stets mit Aufwertungen verbunden sein. Nur so kann der Umgang mit den rapide anwachsenden Leerstandsproblemen eine Chance für die Zukunft dieser Städte werden.“(*)
Gleichwohl haben sich in der ersten Phase des Stadtumbaus viele ostdeutsche Kommunen angesichts des massiven Wohnungsleerstandes zunächst auf den Abriss konzentriert. Doch wird der Stadtumbau als langfristige Strategie zur Verbesserung der Lebensqualität in Städten unter Schrumpfungsbedingungen verstanden, darf die Aufwertung nicht zu kurz kommen.
Kurzbericht der Fachveranstaltung
Vor diesem Hintergrund hatte die Bundestransferstelle Stadtumbau Ost im November 2004 zu einer Fachveranstaltung eingeladen. Das Ziel dieser Veranstaltung bestand darin, das Thema ‚Aufwertung im Stadtumbau’ in seinen verschiedenen Facetten zu betrachten und anhand zahlreicher aktueller Beispiele und Strategien aus den Kommunen zu diskutieren. Thematische Schwerpunkte der Veranstaltung waren die Aufwertung von Innenstädten, die Nach- und Zwischennutzung von Freiflächen sowie die Bedeutung der regionalen Kooperation im Stadtumbau.
Um den bisherigen Verlauf der ostdeutschen Stadtumbauprozesse zu skizzieren,
benannte die Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister
für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, Frau Iris Gleicke, zunächst
die bereits abgerissenen ca. 65.000 Wohnungen als großen Erfolg
des Förderprogramms. Gleichzeitig fand sie jedoch auch deutliche
Worte hinsichtlich des Stellenwertes der Aufwertung beim Stadtumbau:
Zunächst betonte sie, dass aus Sicht des Bundes der teilweise erhobenen
Forderung, eine neue Arbeitsteilung zwischen Rückbau und Aufwertung
vorzunehmen und das Stadtumbau-Programm künftig ganz auf den Abriss
von Wohnungen zu konzentrieren, eine klare Absage zu erteilen sei. „Die
Aufwertung nicht zu kurz kommen zu lassen, liegt auch im Interesse der
Wohnungswirtschaft. Denn wir können die Bürger nur dann in
den Städten halten, wenn diese an die Zukunft ihrer Stadt glauben.
Dazu gehört, dass in den Städten nicht nur abgerissen wird,
sondern auch Aufwertungsmaßnahmen stattfinden, welche die Lebensqualität
verbessern“ betonte Frau Gleicke und fügte hinzu: „Das
oberste Ziel des Stadtumbaus ist mehr Wohn- und Lebensqualität für
die Bürger – die Bürger sind das Maß aller Dinge.“ Als „besorgniserregend“ bezeichnete
die Parlamentarische Staatssekretärin jüngste Meldungen, nach
denen einzelne Wohnungsunternehmen versuchten, den Rückbau auch
in größerem Umfang auf Altbaubestände auszudehnen. Dass
einige Städte selbst den Rückbau von erhaltenswerten, zum Teil
historischen Gebäuden beabsichtigten, und das mit Mitteln des Programms
Stadtumbau Ost, stelle eine „Pervertierung des Programms“ dar
und sei „keineswegs mit dessen Zielen vereinbar.“
Michael Bräuer, Mitglied der Expertenkommission zum Wohnungswirtschaftlichen
Strukturwandel im Jahr 2000 und Vorsitzender der Jury zum Stadtumbau-Wettbewerb
2001 / 2002, mahnte ebenfalls eine stärkere Gewichtung des Aufwertungsteils
im Stadtumbau an. Er bemängelte, dass aus seiner Sicht nur ein sehr
geringer Teil der Kommunen die erarbeiteten Stadtentwicklungskonzepte
vollständig umsetze bzw. fortschreibe. Er konstatierte, dass viele
Städte und Gemeinden der neuen Länder die formulierten Stadtumbau-Ziele „aus
den Augen verloren“ hätten. Dieser Auffassung wurde allerdings
aus den Reihen des Publikums zum Teil heftig widersprochen und mehrere
Beispiele für kontinuierliche Fortschreibungen wurden anschaulich
beschrieben. Hierbei gab Herr Bräuer natürlich zu bedenken,
dass hauptsächlich Vertreterinnen und Vertreter aus aktiven und
engagierten Stadtumbau-Kommunen den Weg zu der Fachveranstaltung gefunden
hatten.
Einen Querschnitt aktueller Aufwertungspraxis stellte der Bericht von
Prof. Undine Giseke dar, der die wichtigsten Ergebnisse aus einem kürzlich
abgeschlossenen Forschungsprojekt zum Thema „Zwischennutzung
und neue Freiflächen – städtische Lebensräume der
Zukunft“ zusammenfasste.
In dem Projekt, welches durch das Bundesministerium für Verkehr,
Bau und Stadtentwicklung und das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung
beauftragt worden war, wurde anhand 42 aktueller Projektbeispiele (davon
38 Beispiele aus ostdeutschen Städten und Gemeinden und 4 ausländische
Beispiele) die gesamte Bandbreite innovativer Zwischennutzungen und dauerhafter
Renaturierungsprojekte untersucht. Die Projekte stellen in ihrer Zusammenschau
eine Momentaufnahme des voranschreitenden Stadtumbauprozesses dar. Schwerpunkte
der Untersuchung waren insbesondere auch die veränderten Rahmenbedingungen
für die Freiflächenentwicklung. Anhand von ausgewählten
Beispielen, wie der Einrichtung eines Grundstückstauschmanagements
in Leipzig oder einer Koordinierungsstelle für Zwischennutzungen
in Berlin-Marzahn, illustrierte die Referentin die veränderte Rolle
der Kommunen als Manager und Prozessteuerer. Interessante Lösungsansätze
zur Finanzierung von Aufwertungsmaßnahmen seien außerdem
in Eigenleistungen von Privaten, dem Einbezug von aktivem ehrenamtlichem
Engagement sowie in Sponsoringmodellen zu sehen. (PDF-Datei)
In drei thematischen Arbeitsgruppen erfolgte anhand von Beispielen aus
den Kommunen eine Vertiefung der Diskussion. Dies ermöglichte einen
Blick auf die konkreten Herangehensweisen vor Ort und beleuchtete die
große Bandbreite der derzeit praktizierten Ansätze in der
Aufwertung. Die geschilderten Erfahrungen aus den Kommunen machten jedoch
auch deutlich, dass die Schaffung von Qualitäten im Rahmen des Stadtumbauprozesses
aus verschiedenen Gründen erschwert wird. In mehreren Vorträgen
und Diskussionen wurden vor allem begrenzte finanzielle und personelle
Ressourcen als Hemmnis für eine weiterreichende Aufwertung genannt.
Insbesondere die Schwierigkeiten der Kommunen beim Aufbringen des kommunalen
Eigenanteils führten mancherorts sogar zur Frage, ob sich Aufwertungsmaßnahmen überhaupt
noch realisieren lassen. [Links zur Übersichtsseite der Arbeitsgruppen]
Im Abschlussplenum wurde insbesondere die (mentale) Wahrnehmung des Stadtumbaus in der (Fach-) Öffentlichkeit aufgegriffen. Thematisiert wurde von mehreren Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Gefahr, dass der Stadtumbau weitgehend als „Abrissprogramm Ost“ wahrgenommen würde. Dies sei insbesondere dadurch begründet, dass die augenblickliche Gesamtdebatte zu sehr auf den Abriss beschränkt sei.
Wichtige Ergebnisse der Veranstaltung aus Sicht der Bundestransferstelle
Stadtumbau Ost
Die hohe Teilnehmerzahl und lebhafte Diskussionen sowohl im Plenum als auch in den Arbeitsgruppen zeugen von der hohen Bedeutung, die den aufwertungsbezogenen Fragestellungen von vielen Akteuren beigemessen wird. Die Veranstaltung hat aber auch gezeigt, dass die Debatte um die Aufwertung zunächst nur angestoßen werden konnte und im fortlaufenden Stadtumbauprozess weiter geführt werden muss. Aufgrund der Vielfältigkeit des Themenspektrums konnten viele Einzelaspekte im Rahmen der Veranstaltung nur angerissen werden.
Aus Sicht der Transferstelle ist vor allem eine differenzierte Diskussion über den Abriss von Altbausubstanz notwendig. Dies wurde sowohl in der Arbeitsgruppe „Aufwertungsstrategien in Innenstädten“ als auch im Rahmen der Abschlussdiskussion offensichtlich. Die dargestellten Beispiele haben gezeigt, dass mit Hilfe behutsamer Abrissmaßnahmen durchaus auch neue Qualitäten, insbesondere für das Wohnen in den Innenstädten, geschaffen werden können. Allerdings ist zu bedenken, dass ein Abriss in Gebieten des Städtebaulichen Denkmalschutzes vermieden werden sollte, da dies den Zielen der Sicherung und Erhaltung der historischen Bausubstanz entgegensteht. Wenn Abriss im innerstädtischen Altbaubestand als unvermeidbar erscheint, sollte dieser in die Stadtentwicklungsstrategie eingebunden sein und ein klares Nachnutzungskonzept für die Fläche vorliegen. Die Ziele des Stadtumbauprogramms würden konterkariert, wenn mit Hilfe des Programms historische Bausubstanz leichtfertig abgerissen wird.
Wesentlicher Diskussionspunkt ist darüber hinaus die Vermittlung qualitativer Ergebnisse von Stadtumbaumaßnahmen. Die Zahl der abgerissenen Wohnungen ist (leider) die einfachste Messgröße für die Wirkungen des Stadtumbauprogramms. Aufwertung lässt sich dagegen schwer quantitativ messen und beziffern. Dies ist in erster Linie ein Vermittlungsproblem, das beispielsweise durch eine kontinuierliche Erfolgskontrolle im Rahmen eines Monitoringsystems, welches auch qualitative Aspekte mit einbezieht, abgemildert werden könnte.
Als weiteres wichtiges Ergebnis der Veranstaltung bleibt festzuhalten, dass die Debatte um Aufwertung im Stadtumbauprozess nicht nur unter baulichen Gesichtspunkten geführt werden darf, sondern auch die „Aufwertung in den Köpfen“ oder eine „mentale Aufwertung“, wie es in der abschließenden Podiumsdiskussion genannt wurde, eine wichtige Rolle spielt. Nur dann ist es möglich, den Stadtumbau-Ost als das zu begreifen, was er ist: Als gesamtgesellschaftliche Herausforderung mit umfassenden Konsequenzen auf nahezu allen Ebenen der betroffenen Städte.
* Bericht der Kommission „Wohnungswirtschaftlicher Strukturwandel in den neuen Bundesländern“, Berlin 2000, S. 54
