Dessau-Roßlau:
"Der Plattenbaukasten"
(Sachsen-Anhalt)
Teilrückbau und Umbau von Plattenbauten zu Reihenhäusern
Kontext
Während die Stadt Dessau zur Zeit der Industrialisierung ein rasantes Wachstum und die daraus folgende Überformung von mehreren historischen Siedlungskernen erlebte, war sie zum Ende des zweiten Weltkrieges von einer fast vollständigen Zerstörung betroffen. Das bis dahin entstandene historische Stadtbild ging der Industriestadt Dessau verloren.
Ein Wiederaufbau der Stadt erfolgte im sozialistischen Stil. Das Stadtbild war seither von der Vernachlässigung und dem Verfall von noch vorhandenen Altbauständen einerseits und vom Bau zahlreicher Plattenbausiedlungen andererseits geprägt. In der Folge fehlt es Dessau heute an einem starken Innenstadtzentrum.
Während des DDR-Regimes blieb Dessau wichtiger Industriestandort, mit der Wende 1990 verlor die Stadt jedoch ihre industrielle Basis. Es setzte ein Strukturwandel ein, der u. a. einen massiven Rückgang an Arbeitsplätzen und Einwohnerzahlen zur Folge hatte. Seit 1990 hat Dessau einen Rückgang von ca. 20.000 Einwohnern zu verzeichnen, bei dem die Bevölkerungszahl von ca. 98.000 im Jahr 1990 auf ca. 78.000 Einwohner im Jahr 2006 sank.
Im Rahmen einer Gebietesreform in Sachsen – Anhalt haben sich die Städte Dessau und Roßlau am 1.7.2007 zur Stadt Dessau – Roßlau zusammengeschlossen. Aufgrund dessen stieg die Einwohnerzahl auf ca. 90.500 Einwohnern. Bereits zum Ende des Jahres 2007 hatte Dessau – Rosslau jedoch einen Rückgang der Einwohnerzahlen zu verzeichnen. Auch für die Zukunft wird der Stadt ein weiterer Bevölkerungsrückgang prognostiziert.
Der stetige Bevölkerungsrückgang hat einen hohen Leerstand an Wohnraum zur Folge.
Um zum einem dieser Problematik, aber auch der zukünftigen gesamtstädtischen Entwicklung mit strategischen Lösungsansätzen zu begegnen, wurde in Zusammenarbeit zwischen der Stadt und weiteren wichtigen Akteuren 2001 ein Stadtentwicklungskonzept - als Grundlage für den Stadtumbau von Dessau (später Dessau – Roßlau) - erstellt.
Im Konzept wird definiert, welche Stadtgebiete zukunftsfähig sind und welche Quartiere umfassende Umstrukturierungsmaßnahmen für eine zukunftsfähige Entwicklung benötigen. Besonders Gebiete mit einem hohen Wohnungsleerstand wurden als zukünftige Maßnahmenschwerpunkte in den Mittelpunkt der Stadtentwicklung gestellt.
Als Umstrukturierungsmaßnahme sieht das Stadtentwicklungskonzept den Abriss von leerstehenden Wohnungen vor. Mögliche Alternativen dazu werden nicht formuliert.
Dennoch wurde das Projekt Plattenbaukasten, welches ursprünglich für die Lutherstadt Wittenberg geplant war, als qualitative Umgestaltung eines Wohngebietes im Rahmen des Stadtumbaus realisiert.
Zielsetzung
Kurze Projektbeschreibung
Das Modell Plattenbaukasten beinhaltet den Teilrückbau von fünfgeschossigen Plattenbauten im Rahmen der Rückbauförderung des Programms Stadtumbau Ost. Die Wohnungsunternehmen, als Eigentümer der Plattenbauten, veranlassen den Rückbau der oberen vier Geschosse durch Fachfirmen. Das Erd- und Kellergeschoss bleiben für die geplante Umgestaltung der Plattenbauten zu Reihenhäusern erhalten. Nach Abschluss des Rückbaus wird segmentweise ein Erdgeschoss mit je zwei Wohnungen, ein Keller und ein Grundstücksanteil an interessierte Baufamilien verkauft. Die künftigen Bewohner verfügen nach der Fertigstellung über eine Wohnfläche von 120qm² im Erdgeschoss und über eine Fläche von 100qm² im Kellergeschoss. Darüber hinaus gehört zu jedem Reihenhaus ein Grundstück von ca. 400qm².
Ein einheitlicher Gesamtentwurf für die Gebäudezeile verleiht dem Plattenbaugebiet eine neue architektonische und städtebauliche Qualität. Der Umbau der zurück gebauten Gebäudehülle (Dach, Fenster, Haustüren, Wärmedämmfassade) und der Umbau aller tragenden Innenwände erfolgt durch einen von der Bauherrengemeinschaft gemeinsam beauftragten Architekten. Die Grundrissgestaltung, der Sanierungsstandard und der Innenausbau (nichttragende Innenwände, Heizung, Elektrik, Sanitärinstallation, Fußböden, Innentüren, Malerarbeiten) des künftigen Hauses wird mit planerischer Hilfestellung durch den Architekten den Vorstellungen und Ansprüchen der einzelnen Eigentümer angepasst.
Der Innenausbau kann in kompletter Eigenleistung, aber auch mit Hilfe von Fachleuten umgesetzt werden. Das Ausmaß der erbrachten Eigenleistung, sowie der Grad der Ausstattung und die Umgestaltung zum Reihenhaus bestimmen die Gesamtkosten des künftigen Eigenheims. Diese liegen bei mindestens 115.000 € und maximal 165.000 € und umfassen neben dem Kaufpreis, die Bau-, Sanierungs-, Erschließungs- und Planungskosten.
Zur Finanzierung ist es den Eigentümern möglich, verschiedene Förderprogramme zur Eigentumsbildung in Anspruch zu nehmen.
Umsetzungsstand
Innovation
Mit dem Plattenbaukasten konnte eine Alternative zum Komplettabriss von Gebäuden geschaffen werden. Das Modell zeichnet sich durch seine Übertragbarkeit aus, das zudem ohne Sonderförderung und Subventionen auskommt. Die zahlreichen Anfragen weiterer Interessenten aus Dessau - Roßlau, aber auch aus anderen Städten in Sachsen –Anhalt unterstreichen zudem den praxisnahen Charakter dieses Stadtumbauprojektes.
Die frei wählbare Grundrissgestaltung macht den Plattenbaukasten attraktiv für verschiedene Haushalts- und Familienformen. Bei Bedarf können die Eigenheime auch alten- und behindertengerecht gestaltet werden. Durch die Einbindung der zukünftigen Bewohner in die Umgestaltung der verbleibenden Geschosse zu Reihenhäusern sind sie Bauherren und Planer zugleich und können sich ein individuelles Eigenheim schaffen.
Weiterführende Hinweise und Quellen
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